Nachdem im “Heidelberger Appell” (Dazu: Gepixelt oder gedruckt? auf Blogts…) Schriftsteller, Gelehrte und andere ihre merkwürdigen Ansichten zum geistigen Eigentum und seinem Schutze manifestierten, folgten schon Anfang Juni Verlage mit der “Hamburger Erklärung” (Artikel der FAZ dazu).Ganz im Wesen eines Herrn Burda wurde verlautbart: “Wir verdienen nicht genug Geld im Internet, das finden wir doof!”
(Siehe auch: Das digital gedruckte Wort und seine Auswirkungen auf Querbeet Deluxe)
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Wer zwingt eine Zeitung, auch online Inhalte anzubieten? Niemand, außer den Gesetzen des Marktes. Diese jedoch per Erklärungs-Brechstange an die Politk ändern zu wollen, sollte eigentlich keiner möchtegern-vierten Gewalt einfallen.
Wie Herr Niggemeier in seinem Blog darstellt, ist dies jedoch nicht die einzige Schwäche der Erklärung:
- Beim “Spiegel” sind leider gerade alle Leute, die mir meine Fragen offiziell beantworten könnten, im Urlaub.
- Bei der Nachrichtenagentur dpa betont man, die Erklärung nicht unterzeichnet zu haben, sondern sie nur zu “unterstützen” [...]
- Die Sprecherin des “Zeit”-Verlages ist erst im Urlaub. Ihre Vertretung empfiehlt, falls die Zeit drängt [...]
- Der Verlag Axel Springer bedankt sich bei mir für das “Interesse an Axel Springer”, möchte aber die Fragen nicht beantworten [...]
Die von mir eingefügten Auslassungen enthalten nur Worthülsen, die man aus typischen Abwimmelungsantworten kennt. Es ist unglaublich: Die gesetzte Deutsche Verlegerschaft mit Rang und Namen veröffentlich eine Erklärung, zu der sich am Ende niemand bekennen möchte. Dies zeigt, wie verzweifelt Vertreter der “etablierten Medien” sind.
Sie wissen nicht, wie ein tragfähiges Geschäftsmodell der Zukunft aussehen könnte, das ihren Zeitungen ein Überleben sichert. Ein bisschen Panik sei ihnen also durchaus gestattet.
Es geht auch anders
Doch auch Chris Anderson kennt das Journalismus-Geschäftsmodell der Zukunft nicht. Statt dies aber zur Hauptaussage seines Magazins “Wired” zu machen, konzentriert er sich lieber auf seinen Job: Chefredakteur. Im Spiegel 30/09 (Ich verlinke das Interview “Aufmerksamkeit ist alles”, sobald es online verfügbar ist) (Auf Englisch ist es schon verfügbar: Maybe Media Will Be a Hobby Rather than a Job) vertritt er sehr interessante Ansichten:
Wir haben Einnahmen in Millionenhöhe, und es liegt allein an uns, ob wir profitabel sein wollen oder nicht.
Das ist schön für ihn, kann nun jeder argumentieren, helfen tut das der deutschen Zeitungslandschaft auch nicht. Vielleicht tut es aber folgender Hinweis Andersons:
Es gibt kein Gesetz, das besagt, Branchen müssten in ihrer jeweiligen Größe bestehen bleiben.
Eine harte Wahrheit, aber eine, dessen Konsequenzen berücksichtigt werden müssen. Wer etwas verkaufen möchte, muss so viel besser sein wie sein Produkt teurer ist. Ganz ähnlich wie Deutschland als Hochlohnland im internationalen Wettbewerb.
Noch dazu gibt es offensichtlich ein Überangebot an Tageszeitungen, die also am meisten unter dem Online-Druck (Haha, “Druck”!) leiden. Dieses Überangebot kann marktwirtschaftlich gesehen einfach nicht überleben.
Infos, nach denen man sucht, die einem also nicht zufliegen, findet man im Internet. Daher ist für die tägliche Informationsbeschaffung, den schnellen Überblick das Internet viel eher geeignet.
Wer sich Abends um 22:30 Uhr online informiert, findet morgens in seiner Tageszeitung keine bahnbrechenden Infos, zumindest nicht ohne lang danach zu suchen. Diesen Wandel bringt das Internet mit sich, damit muss man sich abfinden.
Wired.com bietet die Inhalte des Hefts kostenlos online – das Magazin geht aber auch über die Theke. Ich habe den Spiegel, aus dem ich grade zitiert habe, in der Printausgabe hier. Denn schon mehrfach habe ich festgestellt: Es lohnt sich. Nicht nur, weil die Artikel erst später auf Spiegel Online verfügbar sind, sondern wegen der sehr guten Qualität des Heftes.
Große, lang recherchierte Stories, sind nichts, was man am Bildschirm liest. Damit man sie aber überhaupt liest, müssen sie gut sein. Und vor allem können eher Magazine mit längeren Veröffentlichungsintervallen das bieten, was das Internet noch “übrig lässt”.
Fortschritt, ohne uns!
Das tut neben den Hamburger Erklärern auch der DJV, Deutscher Journalisten-Verband nicht. Thomas Knüwer legt in einem Beitrag seine Sicht der Dinge dar: Warum ich aus dem DJV austrete. Nach dem Lesen denkt man: Der einzig richtige Schritt!
Das allein ist einfach virtuelles Trillerpfeifen. Was mich aber anekelt sind die Äußerungen von Michael Konken, der Google ein “Meinungsmonopol” unterstellt:
“Der Gesetzgeber muss einerseits der Gratis-Kultur des Internets zu Gunsten der Urheber einen wirksamen Riegel vorschieben und andererseits die Befugnisse des Bundeskartellamtes so ausweiten, dass die Behörde Meinungsmonopole im Internet verhindern kann.”
Um die Absurdität dieser Anschuldigung hervorzuheben: Meinungsmonopol. Internet.
Das passt ungefähr so gut zusammen wie Franz-Josef Jung und Bruce Willis. Zumindest solange Internetanbieter den Verkehr nicht heftigst filtern (Netzneutralität ist das Stichwort!), hat jede Website die gleiche Chance, angesurft zu werden, und so ihre Inhalte zu verbreiten. Dieses Grundprinzip verstärken sogar Dienste wie Twitter noch, denn sie machen “humane Filter” möglich.
Je nach Aufmerksamkeit, die bei verschiedenen Personen hervorgerufen wird, wird eine Nachricht verschieden oft weiterverbreitet. Hier ein Meinungsmonopol zu errichten wäre ein Vorhaben für Chuck Norris (Wieso Chuck Norris?).
Anscheinend wissen sie wirklich nicht, was sie tun
Der Traum eines jeden Journalisten und Verlegers ist nach Vorstellungen einiger also das Internet, bei dem für das Lesen jedes Artikels ein Betrag gelöhnt werden muss. Noch einmal bemühe ich Herrn Knüwer, um dagegenzuhalten:
Die einen träumen von Online-Abos, die anderen von ein paar Cent, die ein Nutzer pro Artikel löhnen soll. Egal, welche Variante die Anbieter wählen, sie begeben sich in eine Zwangslage. Denn die Abschottung von Inhalten durch eine Bezahlwand ist deckungsgleich mit einem fast vollständigen Verzicht auf Online-Werbe-Einnahmen.
(Zitiert aus Der Mythos von der Gratiskultur)
Dies sollte man gekoppelt sehen mit der zu erwartenden Anzahl von Lesern, die tatsächlich das Angebot des Artikelerwerbs wahrnehmen. Sie ist sehr niedrig, und sie wäre der Tod jeder Online-Redaktion.
Werbung!
Über kurz oder lang führt für eine erfolgreiche und wirtschaftliche journalistische Onlinepräsenz kein Weg an höheren Werbeeinnahmen vorbei. Nur so kann der Einbruch im Printbereich teilweise aufgefangen werden. Hierzu stellt Herr Knüwer folgende Überlegung an:
Wichtiger wäre die Verweilzeit auf einer einzelnen Seite, ebenso die Frage, ob Leser sich mit Inhalten beschäftigen und, zum Beispiel, kommentieren. Deshalb auch sollte Werbung im Umfeld von Social Media mit höheren Preisen gewürdigt werden.
Triebe nun ein Nachrichtenportal die Verweilzeit auf seinen Seiten gegenüber Wettbewerbern in die Höhe, wäre diese ein echtes Argument für attraktive Werbung, davon bin ich überzeugt. Betrachtet man Spiegel Online einmal ohne Adblock, so wird klar: Die Werbung führt zum fluchtartigen Verlassen der Seite bzw. wirkt diesem entgegen.
Sehen sie selbst:
Worauf liegt hier der Fokus? Inhalt? Das wird gekonnt verborgen, betrachtet man es einmal nüchtern.
Es geht nicht voran mit Bettlaken-goßen Werbebannern, und auch nicht mit verzweifelten Forderungen. Wie die Zukunft des Journalismus aussieht, kann wohl niemand vorhersagen. Sie liegt irgendwo zwischen
- “Bürgerjournalismus” (ätzendes Wort, finde ich)
- schweren und guten Hochglanzreportagen
- weiterer Ausdünnung der Zeitungslandschaft (bleibt sicher nicht aus)
- Kritikfähigkeit von Journalisten (Damit z.B. Diskussionen mit Autoren auf Augenhöhe möglich sind)
- Und einer Idee, auf die noch niemand gekommen ist
Doch um sich neu zu erfinden, muss von großen Teilen der Branche zunächst die rückwärtsgewandte Haltung abgelegt werden.
Weitere Beiträge zum Thema
netzwertig.com: Das Problem des Journalismus – einfach erklärt
Indiskretion Ehrensache: Print kann leben, auch eine Lobeshymne auf “Wired”
netzwertig.com: Hamburger Erklärung: Berichten deutsche Medien über Googles Antwort? Nicht wirklich.





3 Kommentare zu “Journalismus: nicht umsonst, aber kostenlos”
[...] Vorstellung eines ganz fulminanten Artikels, den ich vorhin auf wired.com gelesen habe. Schon im gestrigen Artikel habe ich wired in den virtuellen Himmel gelobt wie nichts gutes… aber Idole muss man haben. [...]
[...] zum Thema Journalismus: nicht umsonst, aber kostenlos Das digital gedruckte Wort und seine Auswirkungen [...]
[...] Link zum Thema Vor einiger Zeit habe ich auf querbeet-deluxe.com einen Artikel zum gleichen Thema, jedoch mit anderer Ausrichtung geschrieben: Journalismus: nicht umsonst, aber kostenlos [...]