Kürzlich führte ein paar Freunde und mich der Weg in die Großstadt Hamburg, wir entflohen dem kleinstädtischen Angebot an Etablissements und dürsteten nach stilvoller Unterhaltung in angenehmer Atmosphäre. Bevor wir es uns jedoch in der abendlichen Endstation bequem machten, wollte die nahe Kneipen-Umgebung inspiziert werden.
Ein Vorhaben, von dem wir einige Zeit zehren konnten.
Anhand von MoPo, Astra und Nikotin wurde die welt- bzw. nationalpolitische Lage kommentiert, besprochen und ausgelegt. Natürlich wurde Herrn Wiedeking seine Abfindung, wie hoch sie auch immer ausgefallen sein mag, nicht gegönnt. Nicht vollends zumindest. Soweit vollkommen standardisierte und bekannte Argumentation des “gemeinen Mannes”.
Doch dann ertönt eine für mich vollkommen unerwartete Weisheit aus einer Ecke des Eckentreffs: Nicht über Herrn Wiedeking solle geredet werden, denn es handele sich um privates Vermögen. Vielmehr müsse Herr Nonnenmacher das Thema bilden, der schließlich mit Steuergeldern bezahlt würde.
Eine erfrischende Perspektive, die nicht nach Neidfaktor urteilt, sondern nach Verantwortung für Steuergelder und Privatvermögen. Mit Verlaub: Das hat mich in MoPo-Nähe beinahe umgehauen.
Aus dieser Niveauspitze im Kneipengespräch traf es mich wie der Donner: So eine offene Gemeinschaft am Debattieren, das möchte doch jeder Blog! Der feine Unterschied zu normalen erkenntnisreichen Gesprächen im Bekannten/Freundeskreis lag hier darin, dass wir als ganz neue Mitglieder dieser kleinen Gemeinschaft sofort eingebunden wurden.
Übersetzt man dies ins “Online”, hat man einen Blog, wenn man so möchte. Ein Startartikel als Grundlage bzw. Anregung (Hier bietet Querbeet hoffentlich auch aus Ihrer Sicht mehr als die Bild oder MoPo) und interessierte Menschen, die ihre Sicht oder Argumente darlegen. Um jetzt noch die argumentative Klischeefüllung zu bringen: Gelebte Demokratie.
Doch ganz im Ernst: Die Parallelen wird jawohl niemand bestreiten wollen. Ich frage mich, warum neuerdings so viele Menschen in leider einflußreichen Positionen das Internet verteufeln, heißen sie nun Burda, Ursula, arbeiten sie beim DJV oder schreiben gerne Appelle.
Das Internet übernimmt ganz normale gesellschaftliche Funktionen – und ist daher überhaupt garnicht so fremdartig, wie es mit dem Internet Explorer 6 aussehen mag.
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Der entscheidende Tick in Richtung “Schreib den Artikel” kam in diesem Falle natürlich wieder von Spreeblick, wo es um Wiedeking, Stammtische und das permanente Online-Sein geht.




Na, na, moin, moin..
Eine millionenhohe Abfindung zu verurteilen ist keine Äußerung von Neid. Es ist eine Frage der Fairness, genau wie bei den Managergehältern. Sicher, wenn man nun in Deutschland jene Gehälter zwingt zu senken, dann kommt hier auch kein großes Unternehmen mehr hin und Deutschland kann einpacken. Aber Fair sind diese Gehälter trotzdem nicht.
Ich denke jedem ist klar, das diese Manager für ihre Flüge, Essen und anderen netten spaßigen Sachen, wohl kaum ihr Gehalt opfern, sondern es als “Geschäftsausflug” deklarieren und sich dann noch fein aus dem Unternehmenskapital bedienen. Der normale Arbeiter muss seine Verpflegung aus eigener Tasche zahlen. Und Steuern abdrücken, die der Staat, so gütig wie er ist, für die Viel-verdienenden soweit unten wie nur möglich hält, und für den Normalo gerne mal nach oben justiert.
Die Unterschiede in Millionen vom Gehalt her mal ganz abgesehen. Und dann soll man mal von Fairness reden: Es kann einfach nicht sein das diese Menschen das zig-fache mehr an Gehalt verdienen.
So. Und in welcher Kneipe warste hier in HH? ;)
Gruß,
Babak
Naja, was meiner Meinung nach immer komplett außen vor gelassen wird ist der Aspekt, dass wohl kaum jemand mit Millionengehalt einfach auf seinen Millionen sitzt. Diese Gehälter werden doch in ganz großem Maße reinvestiert, und kommen so der gesamten Wirtschaft zugute.
Dass sich der Lebensstandard und diese Summen für uns in einem nicht vorstellbaren Rahmen bewegen, ist sicher richtig. Aber es ist die Vereinbarung zwischen Aufsichtsrat und Geschäftsführer (beispielsweise). Im Aufsichtsrat sitzen übrigens auch Arbeitnehmervertreter. Wie sagte Niki Lauda einmal in irgendeiner Talkshow zu Klinsmanns Gehalt? Sinngemäß: “Wenn der FC Bayern und Klinsmann das ok finden, wer will denen denn in ihre Entscheidung reinreden?”
Und der Spitzensteuersatz ist nahe bei den 50%, da ist es aus meiner Sicht einfach absurd, über noch höhere Abgaben nachzudenken.
Sie war um die Ecke des Birdland ;-)
Birdland? Vogelcountry? Öhhhmmm … *nachdenk* .. Welcher Stadtteil? :D
Die Gehälter werden sicher reinvestiert und fließen in die Wirtschaft. Aber das nützt der Gesellschaft ansich nichts. Der elitäre Manager kauft seine Klamotten nämlich nicht bei H&M, C&A und Co., sondern bei Armani, Gucci und wie sie nicht alle heißen. Geschweige denn beim Tante-Emma-Laden oder dem kleinen Fachhandel von neben an. Genauso verhält es sich in vielen anderen Bereichen des Konsums. Das Geld fließt von einem Teil der Elite zum Anderen und der Normalbürger kriegt davon wenig mit, was man besonders gut auch daran erkennt, das die Mittelschicht in Deutschland schrumpft und der arme Teil der Bevölkerung zunimmt.
Ich finde diese Entwicklung absolut nicht in Ordnung und es macht mich traurig das ein Gehalt wie dieses von Fussballtrainern und Spielern immer mehr gesellschaftliche Aktzeptanz findet. Würde es denn so sehr Schaden jedem Spieler 100 Euro von seinem Gehalt abzuknüpfen und es Beispielsweise dem Platzwart zu geben, der statt 3 Millionen Euro im Jahr vielleicht nur 30 000 Euro erhält, älter ist, Kinder und Enkel zu Versorgen hat und sich vielleicht auch ein Eigenheim gönnen möchte mit seiner Frau?
Ich fordere mehr Nächstenliebe beim FC Bayern und dem Rest der Welt. ;-)
Der elitäre Manager kauft sich aber sicher ein Auto in der Kategorie A8, und wer profitiert davon? Richtig: Jeder, der bei Audi arbeitet.
Das von dir skizzierte Konsum-Geklüngel mag es bis zu einem gewissen Grad durchaus geben, aber die positiven Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft gibt es sicher trotzdem.
Dass es eine schrumpfende Mittelschicht gibt mag stimmen, aber hier würde ich eigentlich keinen kausalen Zusammenhang erkennen, die Ursachen sind sehr vielfältig.
Dein Beispiel mit den 100 Euro… naja, also um es kurz zu machen: Das Leben ist kein Ponyhof. Als fixe Idee ist das ja ganz nett, aber es müsste klar sein, dass es praktisch einfach nicht läuft, eine solche Umverteilung vorzunehmen.
Einige würden argumentieren, das doch lieber jeder Hartz IV-Empfänger 100 € mehr jeden Monat bekommen solle, denn der Platzwart hat ja schon ein ordentliches Einkommen.
Und bei Audi wären wir wieder beim selben Problem. Auch dort fließt unverhältnismäßig viel zu den Herren in Nadelstreifenanzügen und weniger zu den einfachen Arbeitern, auch wenn sie sicher von Aufträgen abhängig sind.
Das mit der Mittelschicht lässt sich durchaus erklären. Die Elite der Wirtschaft und Politik tut viel daran sich aus sich selber zu rekrutieren. Heißt: In die Vornehmen Positionen können nur Menschen geraten, welche Eliteschulen besucht haben und insofern schon einen gewissen finanziellen Background mit sich bringen. Ist ja verständlich, als Unternehmer würde ich auch nur die qualifiziertesten Nachfolger aktzeptieren wollen und diese sind bei privaten Eliteschulen nun mal besser aufgehoben als bei den Staatlichen.
Mit anderen Worten: Die Elite macht die Schleuse nach oben dicht und lässt nur wenige von der Mittelschicht hinein. Diese entsprach im Jahr 2000 noch 62% der Bevölkerung. Sechs Jahre später waren es nur noch 54%! Das in diesen Jahren der Anteil der ärmeren um 7% anstieg, bestätigt nochmal das Versagen und Ausarten dieses Systems. Mehr denn je ist gerechtere Verteilung gefragt. Es muss ganz gewiss niemanden Gehalt genommen werden und an einen Arbeitslosengeldempfänger übergeben werden. Es würde schon reichen die Verteilung innerbetrieblich zu leisten.
Natürlich ist das Leben kein Ponyhof und mit den Menschen an der Macht ist so ein Zustand auch so ziemlich das Unmöglichste ever. Das heißt aber nicht das man sich damit abzufinden hat.
Ich kann Babak nur zustimmen.
Aber ihr behandelt das Thema nur oberflächlich. Um soetwas, wie eine Umverteilung zu erreichen müssen auch die Meinungen vieler Menschen, die das gegenwärtige System akzeptieren, gändert werden, weil es für die Mehrheit zufriedenstellend funktioniert.
Und auch im zwischenmenschlichen Bereich, was Werte, Traditionen und eine gewisse Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber angeht, muss sich in Deutschland einiges ändern. Dann würde der Manager eher auf den Gedanken kommen sein Geld nicht nur in Autos von Audi zu reinvestieren, sondern auch beispielsweise in soziale Einrichtungen. Und es muss mehr Wertevermittlung stattfinden.
Eine wichtige Rolle können dabei soziale Einrichtungen und Institutionen spielen. Die Erziehung durch die Eltern bricht nämlich in diesem und anderen Bereichen immer mehr ein. Und das zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten.
Wir Deutschen müssen von der Ellenbogengesellschaft, der mangelnden Verantwortung und Resignation in politischen Fragen wegkommen!
Ansonsten gehört die Zukunft nicht uns, sondern dem Staat und der Dekadenz!
Umverteilung ist für mich sehr negativ besetzt, muss ich sagen. Es hat soetwas “von oben wegnehmendes”, kosmetisches, ohne dass die Ursache angegangen wird (Jaa, da klingeln bei mir einfach die tiefroten Alarmsirenen).
Meiner Meinung nach sollte eine Änderung von Einkommensverhältnissen nur stattfinden, wenn die Marktwirtschft sie nunmal hervorruft. Was man machen kann und muss: Den Markt offen halten, liberalisieren. So fördert man faire Bedingungen, und mit Anstrengung hat jeder die Möglichkeit, das zu erreichen was er möchte.
Das soll jetzt nicht kontra Wertevermittlung gehen! Die finde ich sehr wichtig. Was aber auch dazugehört, ist z.B. die Würdigung von Leistung anstelle von Neid bzw. Gleichmacherei. Da hat die Einstellung “Jeder kann Abitur machen” und “Wir schaffen das Sitzenbleiben ab” einen abstrusen Effekt: Die, die kein Abi bekommen, kriegen kaum noch eine Banklehre. Nur so ein Beispiel, das mir grade eingefallen ist.
Wir behandeln einen ziemlich breiten Themenbereich grade.
Um das nochmal einzustreuen: Die Hauptaussage des Artikels wollte ich eigentlich eher auf das Ende verschieben, also die Parallele Kneipe/Internt bzw. Blog.
Nur, um das nochmal angemerkt zu haben ;-)
Natürlich schätze ich die Diskussion, die hier entstanden ist jedoch über alles!
Worauf Fritz mich letzte Woche in einer Mail ganz richtig hingewiesen hat:
Meine Gegenrede zur Umverteilung antwortet eigentlich nicht auf die von ihm angemerkte Form.
Fritz meinte: “Wenn die Umverteilung doch von der Gesellschaft akzeptiert ist, weil der Manager nicht auf der Würdigung seiner Leistung über ein gewisses Maß hinaus besteht, dann ist es doch keine Umverteilung von oben. Ich habe nicht behauptet, der Staat müsse umverteilen. Es geht um das Verständnis in der Gesellschaft. ”
Damit ist mein Einwand “Es hat soetwas “von oben wegnehmendes”” hinfällig.
Vielen Dank für den Hinweis!